Wie ein Elefant nach Kassel kam
Ein Elefant kommt zur Welt
Es war ein schöner sonniger Morgen im Indischen Dschungel.
Eine Elefantenkuh spürte, dass das Elefantenbaby in ihrem Bauch heraus
wollte. Fast zwei Jahre hatte sie es schon getragen und nun war es
endlich so weit.
Der kleine Elefant wurde geboren.
Er war so groß, wie ein Esel und konnte schon nach 5 Minuten stehen.
Ein Elefant in der Falle
Als unser kleiner Elefant gerade zwei Jahre alt war, lauerten ein paar Fänger der Herde auf, die gerade von einem Wasserloch zurückkehrte. Sie fingen den kleinen Elefanten mit einem großen Netz.
Der kleine Elefant
saß fest. So sehr er versuchte, sich zu befreien, es half nichts.
Noch konnte er nicht wissen, dass er seine Familie nie wiedersehen
würde.
Die große Reise
Der kleine Elefant wurde an die Küste Indiens verschleppt und dort auf ein Schiff gebracht. Das Schiff ging auf eine große Reise über viele Wochen.
Dann hatte der kleine Elefant endlich seine neue Heimat erreicht,
die er bis zu seinem Tode nicht mehr verlassen sollte: Kassel, die
Residenzstadt der Landgrafen zu Hessen-Kassel.
Ankunft in der Menagerie
Der kleine Tiergarten unterhalb des Kasseler Weinberges hatte den
Namen Menagerie.
Hier, in einem Tierhaus, sollte der kleine
Elefant nun wohnen, zusammen mit ihm völlig unbekannten Tieren
wie Kamelen, Schafen, Hirschen, Kaninchen und Meerschweinchen.
Zu seiner Freude bekam er später seinen eigenen Stall mit einem sauber geplätteten Boden und genügend Beleuchtung. Gleich neben dem Elefantenhaus befand sich das Zimmer seines Wärters, dessen Ofen auch den Elefantensaal heizte, damit dem kleinen Elefanten nicht zu kalt wurde.
Er musste eine Kette um die hinteren Fußgelenke
tragen, was ihm sehr lästig war, doch er durfte an der langen
Kette auch aus dem Elefantenstall hinausgehen und, eingezäunt
von einem hohen Palisadenzaun, frische Luft schöpfen.
Der Elefant als Theaterspieler
Einen Elefanten zu halten war schon damals ein kostspieliges Vergnügen. Anschaffung, Gebäude und Wärter kosteten jährlich etwa 500 Goldtaler. Und die Kosten für den Elefanten stiegen mit seinem Appetit.
Eines Tages beschloss der Landgraf, dass der Elefant für seinen Unterhalt ruhig auch etwas arbeiten könnte.
So kam
es, dass er im Park schwere Baumstämme schleppen sollte, Wagen
ziehen musste und sogar bei Paraden des Hoftheaters mitlaufen
musste.
Der Sturz
Nach einem Festzug auf der Bühne des Hoftheaters, in dem er als Hauptsehenswürdigkeit paradierte, riss sich der kleine Elefant los und rannte in Richtung Auehang. Er stolperte und stürzte den Auehang an einer steilen Stelle hinunter.
Der Elefant hatte sich dabei den Schädel gebrochen und ist daran gestorben.
Er war nur neun Jahre alt
geworden, praktisch noch ein Kind, denn Elefanten werden bis
65 Jahre alt.
Der Elefant als Segen für die Wissenschaft
Was sollte nun also mit diesem schönen, aber toten Tier geschehen?
Begraben? Vergessen?
Der Elefant wurde zu dem Naturwissenschaftler Samuel Thomas Soemmerring
gebracht.
Zunächst ließ er die Haut des toten Elefanten gerben.
Dann ließ er einen künstlichen Elefanten aus Draht, Holz, Holzwolle und Gips bauen, der genauso aussah wie der echte Elefant. Diesem Modell zog er dann die echte Haut des Elefanten über. Somit hatte er ein fast lebendig aussehendes Präparat des kleinen Elefanten hergestellt.
Aber er tat noch etwas anderes: Die Knochen des Elefanten klebte, drahtete und schraubte Sömmerring zusammen und setzte sie auf ein Gestell, das aus Eisenstangen und einem Eichenbalken bastand.
Vermutlich wusste er damals noch nicht, dass er damit wahrscheinlich
das erste Großsäugetierskelett erschaffen hatte.
Der Elefant bekommt seinen Namen
Zur gleichen Zeit lebte der große Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe. Er war auch ein Naturwissenschaftler und bei einem Besuch des Ottoneums war er begeistert von dem Skelett des Elefanten.
Er ließ sich den Schädel schicken, um einen bestimmten Knochenteil, den Zwischenkieferknochen, zu untersuchen.
In Kassel war man so stolz darauf, dass man das Skelett des Elefanten fortan nur noch den Goethe-Elefanten nannte.
Heute, 200 Jahre nach dieser Geschichte
Ihr könnt ihn heute noch sehen, den kleinen Goethe-Elefanten, dessen
Geschichte ihr eben gelesen habt. Sein Skelett steht im Erdgeschoss
des Naturkundemuseums in Kassel.
Und wenn ihr seinen Kopf betrachtet,
seht ihr noch genau, was damals passierte, als er kopfüber
den Auehang hinabstürzte.












